Es ist Anfang März und in der Natur ist schon was los. Viele Tiere bereiten sich auf die Paarungs- und Balzzeit und den Nest- und Höhlenbau vor, oder sie sind schon mitten darin. Letzthin war ich einige Mal draussen und beobachtete dieses emsige Treiben. Die Krähen und Störche sammeln Ästchen, um ihre Nester zu flechten. Die Spechte hämmern, um ihr Revier abzustecken und auf sich aufmerksam zu machen und sie beginnen damit, ihre Höhlen in Schuss zu bringen, um sie dann herzeigen und eine Partnerin von deren Eignung überzeugen zu können. Die Blau- und Kohlmeisen suchen die Bäume ab, um einen geeigneten Niststandort ausfindig zu machen. Und die Ringeltauben führen ihre „Klatschflüge“ auf, in denen sie in einem grossen Bogen aufsteigen, mit den Flügeln klatschen, und sich wieder absinken lassen. Einige Vögel verfolgen sich in rasanten, kurvigen Hochgeschwindigkeitsflügen. Als ich so dastehe und das Treiben beobachte und den Gesängen und Rufen zuhöre, dringt ein konstantes „zt, zit, zik“ oder „pit“ zu mir, ab und zu gefolgt von einem „tsi“ oder „ksi“. Zuerst fällt es gar nicht so auf, aber wenn die Aufmerksamkeit mal darauf gerichtet ist, dann sind die Laute klar und deutlich zu hören. Ich denke mir, das ist ein Kernbeisser. Ich schaue rauf und suche die Baumkronen ab. Jetzt sind noch keine Blätter an den Bäumen, sonst wäre die Suche vielleicht vergeblich. Es dauert einige Zeit, während der ich versuche, die Richtung zu orten. Dann endlich, sehe ich einen recht grossen Vogel, in etwa wie ein Star, auf einem Ast sitzen. Ich schaue mit dem Fernglas hin und ja, es ist ein Kernbeisser! Unglaublich, dass ein so grosser Vogel, es ist der grösste in der Familie der Finken, sich so gut tarnen kann. Er ist neben dem Grauschnäpper, einer der Vögel, die bei Vogeltouren am häufigsten übersehen oder nicht bemerkt werden. Wahrscheinlich hofft er, dass die Blätter doch bald spriessen werden, weil dann wird er sich den Blicken vollends entziehen und ist dann nur noch durch seine Laute zu lokalisieren.
Wenn ich den Kernbeisser anschaue, bin ich jedes mal wieder verblüfft, wie erhaben und magisch er aussieht. Wie eine kleine Statue, die mit viel Liebe gemacht worden ist. Er hat einen orange-braunen Kopf mit braunen Augen und einem mächtigen kegelförmigen Schnabel, der im Sommer grau-blau und im Winter rosa ist. Der Nacken ist grau, der Rücken braun und die Flügel sind schwarz-blau mit einem weissen Band. Die Schwanzspitze ist ebenfalls weiss. Das Weibchen hat eine ähnliche Zeichnung der verschiedenen Partien, aber die Farben sind etwas weniger deutlich abgegrenzt und vor allem im Kopf-, Brust- und Bauchbereich blasser. Die Vögel haben ein Gewicht von rund 50 bis 60 Gramm und eine Flügelspannweite von rund 30 Zentimeter.
Die Kernbeisser ernähren sich hauptsächlich von Samen von Laubbäumen wie Hainbuche, Rotbuche, Kirschen und Zwetschken sowie von verschiedensten Früchten. Beim Knacken der Kerne zeigt der Kernbeisser, weshalb er so heisst. Die extrem harten Kerne können nur mit sehr hohem Druck aufgeknackt werden, den der Kernbeisser mit seinem besonders dafür geeigneten Schnabel ausüben kann. Zur Brutzeit kommen Raupen, Insekten, Spinnen und Regenwürmer ins Ernährungsspektrum hinzu.
Der grosse Finkenvogel bewohnt gerne lichte Laub- und Mischwälder, kommt aber auch regelmässig in Friedhöfen und Parkanlagen mit altem Baumbestand sowie weitläufigen Streuobstwiesen vor. Bei mir in Basel ist er „um die Ecke“ von mir in einem grossen Stadtpark zu finden. Dort hat es alte Buchen, Hainbuchen, Platanen und Eichen, in denen er genug Samen und Früchte als auch Nistmöglichkeiten vorfindet. Gerade jetzt hat die Balz, die Paarbildung und die Nistplatzwahl begonnen. Bei der Balz zeigt das Männchen einerseits Imponierposen mit aufgestellten Federn und Lautäusserungen und andererseits Demutsposen mit vibrierenden Flügeln. Den geeigneten Nistplatz suchen Männchen und Weibchen gemeinsam aus, und auch der Nestbau wird zusammen ausgeführt. Die rund fünf Eier werden etwa 14 Tage bebrütet und nach etwa einem Monat sind die Jungvögel selbständig.
In Mitteleuropa ist der Kernbeisser ganzjährig anzutreffen. Die in Osteuropa, Kleinasien und dem Kaukasus und noch weiter im Osten lebenden Populationen ziehen teilweise zum Überwintern in das Mittelmeergebiet und nach Nordafrika. Die aktuellsten Schätzungen kommen in der Schweiz auf einen Bestand von rund 15’000 Paaren, in Deutschland auf etwa 300´000 Paare und weltweit auf ungefähr 20 Mio. Individuen. Die IUCN stuft den Vogel als „nicht gefährdet“ und den Bestand als stabil ein. Endlich auch mal eine Vogelart, die in der Anzahl nicht ständig zurückgeht!
Ich habe den Kernbeisser nach der diesjährigen ersten Sichtung noch weitere Male gesehen, und das jedes Mal auf eine besondere Art. Mir erscheint der Vogel mit seiner anmutigen, edlen und stoischen Ruheposition, mit seinem verblüffenden Äussern und mit seinem unerwartet leichten und eleganten Flug wie ein Botschafter aus einer anderen Welt. Meine Assoziationen dazu sind Eleganz, Präsenz, Raum, Haltung und die Gleichzeitigkeit von Standfestigkeit und Beweglichkeit. Ich möchte unbedingt weiter forschen, wo und wie ich den Vogel wieder sehe und was sich weiter daraus entwickelt. Magst Du auch mal nach ihm Ausschau halten?
Der Vogelzug ist für mich eines der faszinierendsten, erstaunlichsten und komplexesten Phänomene in der Tierwelt. Zweimal im Jahr – im Herbstzug und im Frühjahrszug – bewegen sich Millionen von Vögeln überwiegend in einer Nord-Süd-Richtung im Herbst und in Süd-Nord-Richtung im Frühling und verbinden damit ihre Brutgebiete in den gemässigten Zonen mit Sömmerungsgebieten in den wärmeren und tropischen Regionen. Da sich der Vogelzug über Wochen und Monate erstrecken kann, befinden sich fast ständig Vogelgemeinschaften auf dem Weg. Sie folgen dabei traditionellen Zugwegen, weshalb man diese in verschiedene Vogelzugrouten (Flyways) klassifizieren konnte. Birdlife International unterscheidet acht bis neun solcher Vogelzugrouten und zusätzlich werden gerade auch bislang unbekannte Hochseezugrouten identifiziert.
Neben den amerikanischen, ost- und zentralasiatischen und ostafrikanischen Routen ist die in Mitteleuropa wesentliche die ostatlantische Vogelzugroute (East Atalantic Flyway). Sie verbindet arktische Brutgebiete von Kanada, über Grönland und Island bis Zentralsibirien mit Westeuropa und Westafrika. Jeden Herbst ziehen grosse Gruppen – die Schätzung beläuft sich auf etwa 90 Mio. Vögel insgesamt nur für diese Route – von grösstenteils Wasservögeln aber auch Sing- und Greifvögeln vom hohen Norden in den Süden. Für einige Familien wie die Gänse, Enten und Schwäne ist Westeuropa das Hauptziel, für andere ist es eine Zwischenstation auf dem Weg nach Afrika. Für viele im Gleitflug ziehende Vögel, die auf Aufwinde und gute Thermik angewiesen sind, ist das Mittelmeer eine grosse Hürde, weshalb sie das Meer an der engsten Stelle bei Gibraltar überqueren. So vollzieht sich in dieser Region jährlich ein faszinierendes Schauspiel mit hunderttausenden ziehenden Greifvögeln, darunter Wespenbussarde, Schwarzmilane und Zwergadler.
Rund 300 Vogelarten orientieren sich auf der ostatlantische Vogelzugroute auf ihrem Weg in den Süden an ergiebigen Nahrungs- und Rastplätze wie dem Ladoga See in Russland, dem Matsaalu National Park in Estland, dem Memeldelta in Litauen, dem Wattenmeer in Holland, Dänemark und Deutschland, dem Loire Delta in Frankreich, dem Doñana Nationalpark in Spanien, dem Lagunensee Merja Zerga in Marokko, dem Banc d’Arguin Nationalpark in Mauretanien, dem Diawling Nationalpark in Mauretanien und dem Senegal, der Saloum-Niumi Region im Senegal und in Gambia und dem Bissagos Archipel in Guinea-Bissau.
Nun gibt es nicht nur eine hauptsächliche „Zugstrategie“ sondern sehr viele verschiedene. Und zudem werden diese auch noch laufend angepasst, je nach klimatischen Verhältnissen, Nahrungsangebot, Konkurrenzsituation und anderen Faktoren. Einige Begriffe in diesem Zusammenhang sind Kurzstreckenzieher, Langstreckenzieher, Teilzieher u.a. Gerade in den letzten Jahren sind starke Veränderungen von Zugverhalten von einzelnen Vogelarten festzustellen. Ein sehr charakteristischer Langstreckenzieher ist beispielsweise der Weissstorch. Bis vor nicht allzu langer Zeit zogen diese Vögel durchwegs jeden Herbst in Gebiete südlich der Sahara. Nun ist zu beobachten, dass immer mehr schon in Spanien oder Südfrankreich halt machen. Und von da im Frühling wieder in den Norden zurückfliegen. Auch mehr und mehr bleiben sogar in ihren Brutgebieten und ziehen überhaupt nicht mehr und wandelten sich so von Zugvögeln zu Standvögeln. Ein sehr vielschichtiges Bild des Zugverhaltens ergibt sich auch für die Graureiher. Ein bestimmter Anteil fliegt nach wie vor weit in den Süden, andere bevorzugen kürzere Strecken und andere bleiben in ihren angestammten Gebieten. Einer der „klassischen“ Zugvögel ist nach wie vor der Kranich. Er ist eine magisch-majestätische Erscheinung und weckt vielerorts Fernweh und Reisegelüste, wenn er in grossen Gruppen laut rufend gegen den Süden zieht.
Bei den Greifvögeln sind unterschiedliche Strategien von nahe verwandten Arten zu beobachten. Beispielsweise ist der Schwarzmilan nach wie vor ein ausgesprochener Langstreckenzieher, und ein Grossteil der Vögel verbringt den Winter südlich der Sahara. Im Unterschied dazu überwintern die Rotmilane in Spanien, Frankreich oder auch direkt bei uns. Der Mäusebussard fliegt ebenso nicht allzu weit weg und passt sich mit seiner Zugstrategie sehr gut an die Umstände und Verhältnisse an. Dahingegen fliegen die Wespenbussarde fast ausnahmslos vom Norden (auch Deutschland) in die feuchteren Baumsavannen und Regenwaldgebiete in West- und Zentralafrika. Bei den Falken sind die Turm- und Wanderfalken grösstenteils Standvögel und die Baumfalken Langstreckenzieher.
Bei vielen Watvögeln, wie dem Alpenstrandläufer, dem Knutt, der Uferschnepfe oder der Küstenseeschwalbe, ergibt sich das Profil, dass sie in der Arktis und in der Tundra brüten, auf ihrem Zugweg in riesigen Schwärmen, zum Beispiel im deutschen Wattenmeer, rasten, und dann weit in den Süden weiterfliegen. So kommen sie auf teils unvorstellbare Wegstrecken von vielen tausenden und mit Hin- und Rückweg sogar zehntausenden Kilometern Flugdistanzen. Die längsten Zugwege nehmen die Küstenseeschwalben auf sich. Sie brüten in den nordpolaren Arktis Gebieten und überwintern in den südpolaren Antarktis Gebieten. Sie nutzen so als auf Sicht jagende Stosstaucher das Maximum an Tageslicht und Sonnenstunden. Die riesigen Distanzen schaffen sie auch deshalb, weil sie „halbseitig“ im Flug schlafen können.
Weitere ausgeprägte Zugvögel sind die Mauersegler und der Kuckuck. Unter den Singvögeln sind weit ziehenden Arten (Langstreckenzieher) die Schwalben, die Nachtigall, der Grauschnäpper, der Teichrohrsänger, die Gartengrasmücke, der Gartenrotschwanz oder der Fitis. Letztere drei haben mit der Mönchsgrasmücke, dem Hausrotschwanz und dem Zilpzalp „Geschwisterarten“ die Kurzstreckenzieher sind. Viele Eulenarten, wie der Waldkauz, Raufusskauz, Sperlingskauz, Steinkauz oder Uhu sind Standvögel. Ebenso alle heimischen Spechte, mit Ausnahme des Wendehalses. Auch die meisten Rabenvögel und Meisen sind Standvögel. Die meisten Finken – wie Buchfink, Erlenzeisig, Stiglitz oder Girlitz – und die Drosseln – wie Amsel, Singdrossel oder Misteldrossel – kombinieren die Strategien Standvogel und Kurzstreckenzieher.
Eine Gruppe Alpenstrandläufer und eine Küstenseeschwalbe, birds-online.ch
Wie ihr seht, ist der Vogelzug ein äusserst bemerkenswertes Naturgeschehen, für das dieser Beitrag nur die oberste Schicht berühren konnte. Weitere spannende Fragen in diesem Feld sind beispielsweise: Wie findet der Vogelzug konkret statt? Wie orientieren sich die Vögel? Wie schaffen die Vögel diese enormen Leistungen physiologisch? Was sind Gefahren auf den Zugwegen? Was passiert in den Überwinterungsgebieten? Aus diesem Grund hat dieser Blog Beitrag im Titel den Zusatz „Teil 1“, weil ich gerne das Thema in ein, zwei weiteren Beiträgen noch vertiefter anschauen möchte.
Anfang August verbrachte ich im Rahmen meiner Sommerferien drei Tage rund um den Schwarzsee in den Freiburger Voralpen. Von Fribourg (CH) fuhr ich mit dem Bus rund 50 Minuten aus der Stadt raus, immer weiter ins Land hinein und langsam immer höher hinauf bis zum Schwarzsee, einem etwa 1.5 km langen und 0.5 km breiten schönen See auf etwas mehr als 1’000 Höhenmetern, umgeben von den Bergen der Voralpen. Die Schweiz kann grob in drei geographische Regionen unterteilt werden: Das Jura Gebirge, ein rund 300 km langer Gebirgsbogen an der Grenze zu Deutschland und Frankreich, der bis knapp 1’700 Höhenmeter reicht, das Mittelland, das sich ebenfalls auf etwa 300 km Länge auf einer mittleren Höhe von 400 bis 600 Höhenmetern von Genf bis zum Bodensee erstreckt, und die Alpen, die mit rund 60 % der Landesfläche den gesamten Süden der Schweiz einnehmen. Aus dem Mittelland steigen die Alpen über die Voralpen, die bis etwa 2’500 Höhenmeter reichen, bis zum Alpenhauptkamm mit 48 Gipfeln über 4’000 Höhenmetern an.
Gleich am ersten Tag am Schwarzsee war strahlender Sonnenschein bei völlig blauem Himmel, und ich war bereit für eine ausgiebige Tour. Es ging mit dem Sessellift auf die Riggisalp und von da über den Euschelspass auf den Kaisergg Pass. Ich hatte gelesen, dass es in dieser Gegend Geier geben sollte, aber ich wusste nicht genau, wo sie zu finden waren. Dann, schon auf etwa halber Wegstrecke, geleiteten in einiger Entfernung einige sehr grosse Vögel die Felswände entlang. Die sahen mir sehr nach Geier aus, aber ich konnte sie noch nicht eindeutig zuordnen. Meine Felderfahrung mit Geiern ist bislang noch ziemlich gering. Je höher ich hinaufkam, und je näher ich der eigentlichen Passhöhe kam, desto häufiger wurden die Überflüge der grossen Gleiter. Und immer besser konnte ich sie auch beobachten und einordnen. Mit guter Sicht war es eindeutig: es handelte sich um Gänsegeier.
Gänsegeier am Kaisereggpass, August 2024
Der Gänsegeier ist ein sehr grosser Vogel aus der Familie der Habichtartigen mit einer Flügelspannweite von 2.3 bis 2.7 Metern und einem Gewicht von 7 bis 11 kg. Im Flug sind die deutlich zweifarbigen Flügel gut zu erkennen. Die Hauptfärbung ist grauschwarz und am oberen Ende befindet sich auf Flügelunter- und Oberseite jeweils ein helles Band. Der Rumpf ist sandbraun und der Kopf und der lange Hals, der von einer Halskrause gesäumt wird, sind weiss. Am Boden wirken die Geier etwas unbeholfen, aber in der Luft, mit dem eingezogenen Hals, dem kurzen Schwanz, und den taillierten Schwingen, wirkt der Gänsegeier sehr majestätisch und erhaben. Davon konnte ich mich an diesem Sommertag ausgiebig ein Bild machen.
Oben am Pass hatte ich einen herrlichen Rundumblick über die Voralpen vom Gantrisch Gebiet, über den Schafberg zu den Gastlosen und der Vanil Noir Ketten bis in die schneebedeckten Hauptalpen hinein. Das ganze Gebiet ist intensiv alpwirtschaftlich genutzt, und es befinden sich überall Rinder und Schafe bis auf die Gräte hinauf. So auch rund um den Kaiseregg Pass. Ich konnte die Geier beobachten, wie sie sich auf einer Felskuppe sitzend sammelten und die Gegend beobachteten und sich irgendwann, einer nach dem andern, mühelos lösten und direkt in einen Gleitflug übergingen. So suchten sie systematisch die Gegend ab, auf der Ausschau nach einem verwertbaren Kadaver.
Schafberg (2’239 m.ü.M) mit Alpweiden; Schaf- und Geierparadies; August 2024
Wie viele andere Tiere und auch viele Vögel, vor allen die grossen, wurde der Gänsegeier im 19. und 20. Jahrhundert massiv verfolgt. Durch intensive Schutzmassnahmen und Wiederansiedlungsprojekten – insbesondere im Massif Central in Frankreich und auch in Italien – ab den 1980er Jahren stiegen die Bestände wieder an und werden heute gemäss dem European Breeding Bird Atlas 2 auf rund 34’000 bis 41’000 Paare in Europa geschätzt, wovon Spanien etwa 90 % dieser Bestände hält. Die weltweite Verbreitung reicht von der Iberischen Halbinsel, über die italienische und Balkanhalbinsel, bis nach Zentralasien und Westindien. Einen weiteren Verbreitungsschwerpunkt neben Spanien haben die Gänsegeier im Kaukasus.
Diese Vogelart ist angewiesen auf felsiges Gelände in mittlerer Höhe, in dem durch warme Aufwinde das Segelfliegen mit geringem Energieverbrauch begünstigt wird. Die Biologie dieser Vögel ist vollständig ausgerichtet auf das rasche Auffinden und Ausnehmen von Kadavern von grösseren Säugetieren. Mittels ausdauernder Suchflüge beobachten die Geier aufmerksam das Geschehen, dabei auch andere Vögel oder Raubtiere, und lassen sich beim Auffinden von Tieren rasch in grösseren Gruppen nieder. Die sich fast vollständig von Aas ernährenden Geier finden sich dann in grossen Gruppen ein und dringen mit ihren langen Hälsen in das verendete Tier ein und säubern es bis zum Skelett. An den Fressstellen gibt es unter den verschiedenen Tieren und innerhalb der Gänsegeier Rangordnungen.
Die Gänsegeier sind gesellige Vögel und brüten in grösseren Kolonien im felsigen Gelände. Der Legebeginn liegt im Zeitraum von Jahresanfang bis etwa Ende März und in der Regel wird nur ein Ei gelegt und rund 50 Tage bebrütet. Etwa vier Monate bleiben die Jungen im Nest und werden von den Eltern gefüttert. Nach nochmals etwa drei bis vier Wochen Führungszeit wandern die jungen Geier dann ab. Die Gänsegeier übersommern zunehmend in verschiedenen Teilen der Alpen, so auch ab etwa 2012 in der Schweiz, wo sie jedoch keine Brutvögel sind. Es handelt sich dabei fast ausschliesslich um noch nicht geschlechtsreife jüngere und vereinzelt auch auch um adulte nicht brütende Vögel. Ornithologisch werden sie als „Nahrungsgäste“ bezeichnet.
An diesem Tag genoss ich das herrliche Panorama, die warme Sonne und die Nahansichten der Gänsegeier aus allen Perspektiven. Auf einmal bemerkte ich, wie sich eine Gruppe weit unten am Hang versammelte und um Zugang zu einer Stelle rang, an der sie offensichtlich etwas gefunden hatten. Es war sehr weit weg, aber ich schätzte die Gruppe auf 25 Individuen. Nach rund 10 Minuten war der Tanz schon vorbei, und einer nach dem anderen breitete die Flügel aus und liess sich von den Winden und der Thermik wegtragen. So kreisten sie sich immer höher hinauf, bis sie wieder oben am Pass waren, und zum Teil in kurzer Distanz von mir vorbeisegelten. Zu einem Zeitpunkt zogen 16 Gänsegeier gleichzeitig über mir ihre Kreise. Es war ein magisches Schauspiel, das jedoch auch einen gewissen Beigeschmack hatte. Das Gebiet wird wie erwähnt sehr stark genutzt, in den höheren Lagen hauptsächlich durch grosse Gruppen von Schafen, die sich frei bis in die höchsten Ecken bewegen, und ein Anziehungspunkt für die Gänsegeier darstellen. So verabschiedete ich mich am späten Nachmittag mit gemischten Gefühlen von dieser tollen Kulisse. Einerseits beglückt durch erstaunliche Natureindrücke und andererseits mit der Erkenntnis, dass die Tiere, wie so oft, Zusammenhänge offenlegen und sichtbar machen.
Ende Mai war ich auf einer dreitägigen Vogelbeobachtungstour mit Liberty Bird im Vallée de Joux unterwegs. Das schöne, dünn besiedelte und naturnahe Hochtal auf etwa 1’000 Metern über dem Meer wird südöstlich von der Mont-Teindre-Kette begrenzt und im Nordwesten von der Risoux-Kette, auf deren Kamm die Grenze zu Frankreich verläuft. Schon in früheren Zeiten waren die dichten und artenreichen Wälder mythisch und mystisch umwoben und auch heute noch befindet sich hier eine sehr ausgedehnte unbesiedelte Waldfläche mit vielen alten Fichten, Tannen, Buchen, Kiefern und Bergahornen. Das Tal wird von der Orbe durchflossen, welche den Lac de Joux speist, einen knapp 10 Quadratkilometer grossen See, welcher auf Grund seiner abgeschlossenen hohen Lage mit zum Teil äusserst kalten Wetterlagen immer noch jährlich komplett zufriert.
Lac de Joux, Ende Mai 2024, Jérôme Fischer, Liberty Bird
Auf unseren Erkundungstouren im Frühsommer war es glücklicherweise schon nicht mehr so kalt, und wir konnten die raue Schönheit dieser Gegend geniessen. Die Risoux Wälder bieten einigen bedrohten Tierarten geeignete Rückzugsgebiete. Im Bereich der Vögel sind dies beispielsweise Haselhühner, Auerhühner, Waldschnepfen oder verschiedene Eulenarten. In der Familie der Eigentlichen Eulen finden hier zwei kleine Arten geeignete Refugien vor und sind deshalb noch gut verbreitet: der Raufusskauz und der Sperlingskauz. Letzterem wollen wir uns in diesem Beitrag zuwenden.
Der Sperlingskauz ist die kleinste Eule Europas und ist mir ihrer unauffälligen Lebensweise gar nicht leicht zu entdecken, wenn man nicht wie wir in unserer Gruppe an einem besonderen Tag das Glück hat, von einem ansässigen Ornithologen eine bewohnte Baumhöhle gezeigt zu bekommen. Auffällig sind die weithin zu vernehmenden einzelnen düh oder mehrfachen düh … üüüü Rufe des Männchens, die in der Herbstbalz (September, Oktober) die Reviergründung begleiten und in der Frühjahrsbalz (Februar bis Anfang April) die Paarung vorbereiten und dann in der Nähe der ausgewählten Baumhöhle in Paarungsrufe übergehen. Entdecken kann man so eine Höhle auch aufgrund von Gewölle und Beuteresten am Fuss des Baumes oder wenn Kleinvögel sehr laut und auffällig „zetern“. Dann lohnt sich ein genaueres Umherschauen, weil ein Sperlingskauz der Grund dafür sein könnte.
Der kleine Vogel ist etwa so gross wie ein Star, hat eine Flügelspannweite von 35 bis 38 cm und ein Gewicht von im Durchschnitt rund 60 g bei den Männchen und etwa 75 g bei den Weibchen. Zur Brutzeit können letztere bis zu 100 g schwer werden. Von der Erscheinung her wirkt der Sperlingskauz gedrungen mit feinen Tupfen auf der Stirn und dem Gesichtsfeld, gelben Augen und einem hellen Schnabel. Am Hinterkopf hat er ein sogenanntes Occipital- oder Scheingesicht, eine Zeichnung im Gefieder, die Augen oder ein ganzes Gesicht nachahmt. Am Rücken ist das Gefieder dunkelbraun mit weissen Tupfen, die Brust und der Bauch sind weiss mit schmalen braunen Längsstreifen. Der Schwanz ist braun mit vier bis fünf weissen Querbinden.
Sperlingskauz, Ende Mai 2024 im Vallée de Joux, Bernd Roschitzki
Das Verbreitungsgebiet des Sperlingskauzes erstreckt sich von den borealen Nadelwäldern Nordeuropas über die Hoch- und Mittelgebirge Mitteleuropas (Jura, Alpen, Vogesen, Schwarzwald u.a.) und den Karpaten bis nach Ostsibirien. Die bevorzugten Lebensräume des Sperlingskauzes sind lockere Nadel- und Mischwälder mit viel Totholz und reichlich vorhandenen Spechthöhlen. In den letzten Jahrzehnten konnte der Sperlingskauz seine Areale auch auf eher „untypische“ Waldgebiete mit Mittelland ausdehnen.
An jenem besagten Tag laufen wir eine Weile lang durch die ausgedehnten Hochwälder im Vallée de Joux. Unser einheimischer Ornithologen Guide ist hier wohl schon hunderte Male entlang gelaufen. Im Winter wie im Sommer, früh morgens und spät abends. Wir kommen an eine kleine Kreuzung von Forststrassen und gehen von da ungefähr fünfzig, sechzig Meter in den Wald hinein und platzieren uns in einigem Abstand vor einer Kiefer mit einer schönen Baumhöhle. Alle schauen gespannt dahin und schon nach etwa fünf Minuten sehen wir, wie aus dem Nichts erscheinend und lautlos ein Sperlingskauzweibchen mit einer Maus am Höhleneingang landet.
Sperlingskauz, Ende Mai 2024 im Vallée de Joux, Bernd Roschitzki
In der Gruppe ist deutlich zu spüren, dass alle den Atem anhalten. Sie wartet einige Momente und verschwindet dann im Inneren des Baums. Nach einigen Minuten schaut sie mit dem Kopf raus und studiert die Umgebung. Dann kommt sie ganz raus und fliegt auf einen Ast. Das Männchen ist auch da. Wir hören immer wieder den hohen durchdringenden siiiht Bettellaut des Weibchens.
Sperlingskauz, Ende Mai 2024 im Vallée de Joux, Robert Mršić
Die Sperlingskäuze sind dämmerungsaktiv und während der Balz- und Brutzeit, wie in unserem Fall, auch tagaktiv. Sie sind sehr territorial, verteidigen ihre Reviere vehement und sind sogar gegenüber ihren eigenen Partnern kontaktscheu. Sie müssen in der Balz immer wieder ihren Impuls zur Feindabwehr überwinden, und Männchen und Weibchen haben das ganze Jahr über getrennte Einstände und Schlafplätze. Sperlingskäuze führen eine sogenannte „monogame Saisonehe“. Die selben Partner können aber auch in mehreren Jahren zusammenkommen. Die Brut ab etwa Mitte bis Ende März mit vier bis fünf Eiern wird ausschliesslich vom Weibchen ausgeführt. Das Männchen ist für die Anschaffung der Beute zuständig und lockt das Weibchen mit Rufen zur Beuteübergabe auf einen Ast in der Nähe der Bruthöhle, was wir an diesem Vormittag im Vallée de Joux eindrücklich mitverfolgen können. Gelegentlich darf das Männchen in die Höhle kommen, um Beute abzulegen. Die kleinen Eulen ernähren sich je nach Angebot von Kleinsäugern und Vögeln bis zur Grösse einer Drossel, welche sie aus einer Ansitzjagd heraus (bei den Mäusen) oder durch dynamische Flug- und Verfolgungsjagden (bei Vögeln) erbeuten. Vor allem im Winter legen die Sperlingskäuze Beutedepots in mehren Höhlen oder gelegentlich an geeigneten Stellen in den Bäumen an. Nach rund 30 Tagen schlüpfen die Jungen und nach noch einmal etwa 30 Tagen kommen sie zum ersten Mal aus der Höhle raus und sind dann schon flugfähig. Nach etwa zwei Monaten können die jungen Käuze schon selbst Beute fangen und kurz danach, etwa Ende Juli, beginnen sie das Gebiet zu verlassen und eigene Territorien zu suchen.
Unsere Begegnung mit diesen kleinen spannenden Wesen war für uns alle tief beeindruckend. Wie bescheiden, mutig und individuell sie ihrem Lebensalltag nachgehen, hat mich sehr berührt, und sie sind seither in meinem Bewusstseinsfeld präsent. Nun schaue ich bei meinen Vogelspaziergängen noch genauer hin, wenn ich Spechthöhlen entdecke, weil ja neben vielen anderen potentiellen Bewohnern ein Sperlingskauz drinnen oder in der Nähe sein könnte. Hoffentlich können wir unsere Wälder schützen und Strukturen mit viel Totholz schaffen und erhalten. So sollte doch wieder einmal eine Begegnung mit einem Sperlingskauz möglich sein!
In den letzten zwei, drei Wochen konnte ich in drei verschiedenen schönen Naturgebieten einen hübschen und entzückenden kleinen Singvogel eingehender beobachten und möchte ihm deshalb einen ganzen Blogbeitrag widmen: das Schwarzkehlchen. Die Gebiete – einmal war es der südliche Rand der Lüneburger Heide bei Eschede, dann ein kleines Dorf in Frankreich unweit von Vesoul und Besançon in der Saône Ebene und dann praktisch vor meiner Haustüre bei Aesch (BL) – waren einerseits sehr unterschiedlich hatten aber andererseits auch Gemeinsamkeiten, nämlich reichhaltige, abwechslungsreiche Landschaftsstrukturen mit extensiv bewirtschafteten Wiesen, Büschen, Hecken, Waldrändern und Buntbrachen. Letztere sind landwirtschaftliche Flächen (zum Teil Streifen in den sonstigen Flächen), die gezielt für mehrere Jahre nicht oder nur sehr vorsichtig bewirtschaftet und mit nützlichen Pflanzen angesät werden. So eine Brache kann Blumen, Disteln, Gräser oder Wildkräuter beinhalten und dient Insekten, Vögeln und anderen Kleintieren wie Hasen, Füchsen oder Igeln als Nahrung, Unterschlupf und Nistmöglichkeit (bei Vögeln). So eine Buntbrache oder auch eine extensive Wiese mit hohem Bewuchs, einzelnen Büschen, eventuell einer Hecke oder Pfählen und Zäunen rundherum sind neben Heide- und trockenen Moorflächen ideale Lebensräume für das Schwarzkehlchen.
Schwarzkehlchenwiese im Naturpark Südheide bei Eschede, Mai 2024
Die kleinen rund 12 cm langen und im Schnitt nur etwa 15 g leichten Vögelchen sind bei uns Kurzstreckenzieher (überwintern in West- und Südeuropa) und im Süden Europas Standvögel. Sie werden wie die Rot-, Braun- und Blaukehlchen in die Familie der Fliegenschnäpper eingereiht. Gezeichnet sind die Männchen sehr auffällig, sodass sie teilweise von freiem Auge oder mit dem Fernglas über eine gute Distanz erkennbar sind. Es hat einen ganz schwarzen Kopf und Kehle und weisse Halsseitenflecken. Der Rücken ist dunkelbraun bis schwärzlich, im Flügel befindet sich ein weisses Feld, die Brust ist orange-rötlich und der Bürzel ist weiss mit einer feinen Strichelung. Die Weibchen sind ähnlich gefärbt, aber ingesamt matter, insbesondere der Kopf und die Kehle sind anstatt schwarz dunkelbraun im Prachtkleid und heller im Schlichtkleid. Die Jungvögel sind rundherum gestrichelt.
Wenn die Schwarzkehlchen bei uns ab Mitte März zurück sind, suchen sie sich eine(n) Partner(in), mit der sie in der Regel die ganze Saison zusammen bleiben. Im Feld in der „Schwarzkehlchenwiese“ sieht man dann oft Männchen und Weibchen unweit voneinander als Paar nach Insekten jagen. Dabei sitzen sie auf hohen Stängeln, Gräsern, Zaunpfählen oder Zäunen und lassen sich immer wieder zu „Boden fallen“ oder machen einen kurzen Jagdflug, um bald darauf wieder auf eine Sitzwarte zurückzukehren. Wenn sie so auf einem hohen sich im Wind wiegenden Gras sitzen, und man schaut mit dem Fernglas nach ihnen, sieht es manchmal aus, als würden sie in der Luft schweben. was einen sehr magischen Eindruck hinterlässt. Das Männchen wechselt am Anfang der Saison von den Stängeln und Halmen immer wieder auf einen Busch oder einen Aussichtspunkt in der Hecke oder auf einen offen stehenden Baum, um seine kurzen, leicht kratzigen und gequetschten Gesangsstrophen hören zu lassen. Später, wenn die Brut schon angefangen hat, nimmt der Gesang ab und es sind häufiger die Warnrufe „huit-tek-tek“ oder „fid-track-track“ zu vernehmen.
Das Nest wird in der dichten Vegetation am Boden oder in geringer Höhe als Napf aus Pflanzenmaterial gebaut und innen ausgekleidet. Das Weibchen legt rund fünf Eier in das Nest und bebrütet es etwa zwei Wochen, wonach die Jungen schlüpfen und nach wieder etwa zwei Wochen flügge sind. Sie werden in dieser Zeit und auch noch einige Tage darüber hinaus intensiv von beiden Eltern mit Nahrung versorgt und ab Mitte bis Ende Mai ist gelegentlich die ganze Familie in einem kleinen Radius zu sehen. Oft folgt nach der ersten Brut noch eine zweite und bei guten Bedingungen ausnahmsweise sogar noch eine dritte. Wenn man das rastlose Aus- und Einfliegen zur Anschaffung von Nahrung für die Kücken beobachtet und sich vorstellt, dass der ganze Ablauf in einer Saison dreimal hintereinander geschafft wird, entsteht bei mir grosser Respekt für diese kleinen Wesen.
Das Schwarzkehlchen ist gemäss dem „European Breeding Bird Atlas 2“ mit fünf Unterarten noch weit verbreitet in Europa und Afrika mit sechs bis zehn Millionen Brutpaaren. Bei uns kommt die Unterart rubicola vor und es waren in den letzten zehn Jahren eher Zunahmen zu verzeichnen und in den Dichteregionen im Süden eher Abnahmen. In Deutschland schätzt der NABU den Bestand mit rund 37’000 bis 66’000 Paaren als zunehmend und nicht gefährdet ein. In der Schweiz schätzt die Schweizerische Vogelwarte den Bestand mit 1’500 bis 2’000 Paaren als potentiell gefährdet ein.
Für mich ist das Schwarzkehlchen ein bezaubernder Vogel, den ich gerne beobachte, weil er in schönen offenen Landschaften so präsent und gleichzeitig bescheiden seinem Vogelalltag nachgeht. Er kennzeichnet mit seiner Anwesenheit intakte Naturräume und pflegt diese, indem er den Insektenbestand reduziert und mit Farbe und Gesang beschenkt. So ist er ein ausgezeichneter Anzeiger für Veränderungen in der Landschaft. Einerseits ist er bei guten Bedingungen häufig und nicht sehr anspruchsvoll, andererseits ist er in ausgeräumten Landschaften direkt komplett verschwunden. So hoffe ich, dass ich und viele andere Menschen sich weiterhin und noch vermehrt an diesen kleinen Zauberwesen erfreuen dürfen.