Sperlingskäuze im Vallée de Joux

Ende Mai war ich auf einer dreitägigen Vogelbeobachtungstour mit Liberty Bird im Vallée de Joux unterwegs. Das schöne, dünn besiedelte und naturnahe Hochtal auf etwa 1’000 Metern über dem Meer wird südöstlich von der Mont-Teindre-Kette begrenzt und im Nordwesten von der Risoux-Kette, auf deren Kamm die Grenze zu Frankreich verläuft. Schon in früheren Zeiten waren die dichten und artenreichen Wälder mythisch und mystisch umwoben und auch heute noch befindet sich hier eine sehr ausgedehnte unbesiedelte Waldfläche mit vielen alten Fichten, Tannen, Buchen, Kiefern und Bergahornen. Das Tal wird von der Orbe durchflossen, welche den Lac de Joux speist, einen knapp 10 Quadratkilometer grossen See, welcher auf Grund seiner abgeschlossenen hohen Lage mit zum Teil äusserst kalten Wetterlagen immer noch jährlich komplett zufriert.

Lac de Joux, Ende Mai 2024, Jérôme Fischer, Liberty Bird

Auf unseren Erkundungstouren im Frühsommer war es glücklicherweise schon nicht mehr so kalt, und wir konnten die raue Schönheit dieser Gegend geniessen. Die Risoux Wälder bieten einigen bedrohten Tierarten geeignete Rückzugsgebiete. Im Bereich der Vögel sind dies beispielsweise Haselhühner, Auerhühner, Waldschnepfen oder verschiedene Eulenarten. In der Familie der Eigentlichen Eulen finden hier zwei kleine Arten geeignete Refugien vor und sind deshalb noch gut verbreitet: der Raufusskauz und der Sperlingskauz. Letzterem wollen wir uns in diesem Beitrag zuwenden.

Der Sperlingskauz ist die kleinste Eule Europas und ist mir ihrer unauffälligen Lebensweise gar nicht leicht zu entdecken, wenn man nicht wie wir in unserer Gruppe an einem besonderen Tag das Glück hat, von einem ansässigen Ornithologen eine bewohnte Baumhöhle gezeigt zu bekommen. Auffällig sind die weithin zu vernehmenden einzelnen düh oder mehrfachen düh … üüüü Rufe des Männchens, die in der Herbstbalz (September, Oktober) die Reviergründung begleiten und in der Frühjahrsbalz (Februar bis Anfang April) die Paarung vorbereiten und dann in der Nähe der ausgewählten Baumhöhle in Paarungsrufe übergehen. Entdecken kann man so eine Höhle auch aufgrund von Gewölle und Beuteresten am Fuss des Baumes oder wenn Kleinvögel sehr laut und auffällig „zetern“. Dann lohnt sich ein genaueres Umherschauen, weil ein Sperlingskauz der Grund dafür sein könnte.

Der kleine Vogel ist etwa so gross wie ein Star, hat eine Flügelspannweite von 35 bis 38 cm und ein Gewicht von im Durchschnitt rund 60 g bei den Männchen und etwa 75 g bei den Weibchen. Zur Brutzeit können letztere bis zu 100 g  schwer werden. Von der Erscheinung her wirkt der Sperlingskauz gedrungen mit feinen Tupfen auf der Stirn und dem Gesichtsfeld, gelben Augen und einem hellen Schnabel. Am Hinterkopf hat er ein sogenanntes Occipital- oder Scheingesicht, eine Zeichnung im Gefieder, die Augen oder ein ganzes Gesicht nachahmt. Am Rücken ist das Gefieder dunkelbraun mit weissen Tupfen, die Brust und der Bauch sind weiss mit schmalen braunen Längsstreifen. Der Schwanz ist braun mit vier bis fünf weissen Querbinden.

Sperlingskauz, Ende Mai 2024 im Vallée de Joux, Bernd Roschitzki

Das Verbreitungsgebiet des Sperlingskauzes erstreckt sich von den borealen Nadelwäldern Nordeuropas über die Hoch- und Mittelgebirge Mitteleuropas (Jura, Alpen, Vogesen, Schwarzwald u.a.) und den Karpaten bis nach Ostsibirien. Die bevorzugten Lebensräume des Sperlingskauzes sind lockere Nadel- und Mischwälder mit viel Totholz und reichlich vorhandenen Spechthöhlen. In den letzten Jahrzehnten konnte der Sperlingskauz seine Areale auch auf eher „untypische“ Waldgebiete mit Mittelland ausdehnen.

An jenem besagten Tag laufen wir eine Weile lang durch die ausgedehnten Hochwälder im Vallée de Joux. Unser einheimischer Ornithologen Guide ist hier wohl schon hunderte Male entlang gelaufen. Im Winter wie im Sommer, früh morgens und spät abends. Wir kommen an eine kleine Kreuzung von Forststrassen und gehen von da ungefähr fünfzig, sechzig Meter in den Wald hinein und platzieren uns in einigem Abstand vor einer Kiefer mit einer schönen Baumhöhle. Alle schauen gespannt dahin und schon nach etwa fünf Minuten sehen wir, wie aus dem Nichts erscheinend und lautlos ein Sperlingskauzweibchen mit einer Maus am Höhleneingang landet.

Sperlingskauz, Ende Mai 2024 im Vallée de Joux, Bernd Roschitzki

In der Gruppe ist deutlich zu spüren, dass alle den Atem anhalten. Sie wartet einige Momente und verschwindet dann im Inneren des Baums. Nach einigen Minuten schaut sie mit dem Kopf raus und studiert die Umgebung. Dann kommt sie ganz raus und fliegt auf einen Ast. Das Männchen ist auch da. Wir hören immer wieder den hohen durchdringenden siiiht Bettellaut des Weibchens.

Sperlingskauz, Ende Mai 2024 im Vallée de Joux, Robert Mršić

Die Sperlingskäuze sind dämmerungsaktiv und während der Balz- und Brutzeit, wie in unserem Fall, auch tagaktiv. Sie sind sehr territorial, verteidigen ihre Reviere vehement und sind sogar gegenüber ihren eigenen Partnern kontaktscheu. Sie müssen in der Balz immer wieder ihren Impuls zur Feindabwehr überwinden, und Männchen und Weibchen haben das ganze Jahr über getrennte Einstände und Schlafplätze. Sperlingskäuze führen eine sogenannte „monogame Saisonehe“. Die selben Partner können aber auch in mehreren Jahren zusammenkommen. Die Brut ab etwa Mitte bis Ende März mit vier bis fünf Eiern wird ausschliesslich vom Weibchen ausgeführt. Das Männchen ist für die Anschaffung der Beute zuständig und lockt das Weibchen mit Rufen zur Beuteübergabe auf einen Ast in der Nähe der Bruthöhle, was wir an diesem Vormittag im Vallée de Joux eindrücklich mitverfolgen können. Gelegentlich darf das Männchen in die Höhle kommen, um Beute abzulegen. Die kleinen Eulen ernähren sich je nach Angebot von Kleinsäugern und Vögeln bis zur Grösse einer Drossel, welche sie aus einer Ansitzjagd heraus (bei den Mäusen) oder durch dynamische Flug- und Verfolgungsjagden (bei Vögeln) erbeuten. Vor allem im Winter legen die Sperlingskäuze Beutedepots in mehren Höhlen oder gelegentlich an geeigneten Stellen in den Bäumen an. Nach rund 30 Tagen schlüpfen die Jungen und nach noch einmal etwa 30 Tagen kommen sie zum ersten Mal aus der Höhle raus und sind dann schon flugfähig. Nach etwa zwei Monaten können die jungen Käuze schon selbst Beute fangen und kurz danach, etwa Ende Juli, beginnen sie das Gebiet zu verlassen und eigene Territorien zu suchen.

Unsere Begegnung mit diesen kleinen spannenden Wesen war für uns alle tief beeindruckend. Wie bescheiden, mutig und individuell sie ihrem Lebensalltag nachgehen, hat mich sehr berührt, und sie sind seither in meinem Bewusstseinsfeld präsent. Nun schaue ich bei meinen Vogelspaziergängen noch genauer hin, wenn ich Spechthöhlen entdecke, weil ja neben vielen anderen potentiellen Bewohnern ein Sperlingskauz drinnen oder in der Nähe sein könnte. Hoffentlich können wir unsere Wälder schützen und Strukturen mit viel Totholz schaffen und erhalten. So sollte doch wieder einmal eine Begegnung mit einem Sperlingskauz möglich sein!

Das Schwarzkehlchen

In den letzten zwei, drei Wochen konnte ich in drei verschiedenen schönen Naturgebieten einen hübschen und entzückenden kleinen Singvogel eingehender beobachten und möchte ihm deshalb einen ganzen Blogbeitrag widmen: das Schwarzkehlchen. Die Gebiete – einmal war es der südliche Rand der Lüneburger Heide bei Eschede, dann ein kleines Dorf in Frankreich unweit von Vesoul und Besançon in der Saône Ebene und dann praktisch vor meiner Haustüre bei Aesch (BL) – waren einerseits sehr unterschiedlich hatten aber andererseits auch Gemeinsamkeiten, nämlich reichhaltige, abwechslungsreiche Landschaftsstrukturen mit extensiv bewirtschafteten Wiesen, Büschen, Hecken, Waldrändern und Buntbrachen. Letztere sind landwirtschaftliche Flächen (zum Teil Streifen in den sonstigen Flächen), die gezielt für mehrere Jahre nicht oder nur sehr vorsichtig bewirtschaftet und mit nützlichen Pflanzen angesät werden. So eine Brache kann Blumen, Disteln, Gräser oder Wildkräuter beinhalten und dient Insekten, Vögeln und anderen Kleintieren wie Hasen, Füchsen oder Igeln als Nahrung, Unterschlupf und Nistmöglichkeit (bei Vögeln). So eine Buntbrache oder auch eine extensive Wiese mit hohem Bewuchs, einzelnen Büschen, eventuell einer Hecke oder Pfählen und Zäunen rundherum sind neben Heide- und trockenen Moorflächen ideale Lebensräume für das Schwarzkehlchen.

Die kleinen rund 12 cm langen und im Schnitt nur etwa 15 g leichten Vögelchen sind bei uns Kurzstreckenzieher (überwintern in West- und Südeuropa) und im Süden Europas Standvögel. Sie werden wie die Rot-, Braun- und Blaukehlchen in die Familie der Fliegenschnäpper eingereiht. Gezeichnet sind die Männchen sehr auffällig, sodass sie teilweise von freiem Auge oder mit dem Fernglas über eine gute Distanz erkennbar sind. Es hat einen ganz schwarzen Kopf und Kehle und weisse Halsseitenflecken. Der Rücken ist dunkelbraun bis schwärzlich, im Flügel befindet sich ein weisses Feld, die Brust ist orange-rötlich und der Bürzel ist weiss mit einer feinen Strichelung. Die Weibchen sind ähnlich gefärbt, aber ingesamt matter, insbesondere der Kopf und die Kehle sind anstatt schwarz dunkelbraun im Prachtkleid und heller im Schlichtkleid. Die Jungvögel sind rundherum gestrichelt.

Wenn die Schwarzkehlchen bei uns ab Mitte März zurück sind, suchen sie sich eine(n) Partner(in), mit der sie in der Regel die ganze Saison zusammen bleiben. Im Feld in der „Schwarzkehlchenwiese“ sieht man dann oft Männchen und Weibchen unweit voneinander als Paar nach Insekten jagen. Dabei sitzen sie auf hohen Stängeln, Gräsern, Zaunpfählen oder Zäunen und lassen sich immer wieder zu „Boden fallen“ oder machen einen kurzen Jagdflug, um bald darauf wieder auf eine Sitzwarte zurückzukehren. Wenn sie so auf einem hohen sich im Wind wiegenden Gras sitzen, und man schaut mit dem Fernglas nach ihnen, sieht es manchmal aus, als würden sie in der Luft schweben. was einen sehr magischen Eindruck hinterlässt. Das Männchen wechselt am Anfang der Saison von den Stängeln und Halmen immer wieder auf einen Busch oder einen Aussichtspunkt in der Hecke oder auf einen offen stehenden Baum, um seine kurzen, leicht kratzigen und gequetschten Gesangsstrophen hören zu lassen. Später, wenn die Brut schon angefangen hat, nimmt der Gesang ab und es sind häufiger die Warnrufe „huit-tek-tek“ oder „fid-track-track“ zu vernehmen.

Das Nest wird in der dichten Vegetation am Boden oder in geringer Höhe als Napf aus Pflanzenmaterial gebaut und innen ausgekleidet. Das Weibchen legt rund fünf Eier in das Nest und bebrütet es etwa zwei Wochen, wonach die Jungen schlüpfen und nach wieder etwa zwei Wochen flügge sind. Sie werden in dieser Zeit und auch noch einige Tage darüber hinaus intensiv von beiden Eltern mit Nahrung versorgt und ab Mitte bis Ende Mai ist gelegentlich die ganze Familie in einem kleinen Radius zu sehen. Oft folgt nach der ersten Brut noch eine zweite und bei guten Bedingungen ausnahmsweise sogar noch eine dritte. Wenn man das rastlose Aus- und Einfliegen zur Anschaffung von Nahrung für die Kücken beobachtet und sich vorstellt, dass der ganze Ablauf in einer Saison dreimal hintereinander geschafft wird, entsteht bei mir grosser Respekt für diese kleinen Wesen.

Das Schwarzkehlchen ist gemäss dem „European Breeding Bird Atlas 2“ mit fünf Unterarten noch weit verbreitet in Europa und Afrika mit sechs bis zehn Millionen Brutpaaren. Bei uns kommt die Unterart rubicola vor und es waren in den letzten zehn Jahren eher Zunahmen zu verzeichnen und in den Dichteregionen im Süden eher Abnahmen. In Deutschland schätzt der NABU den Bestand mit rund 37’000 bis 66’000 Paaren als zunehmend und nicht gefährdet ein. In der Schweiz schätzt die Schweizerische Vogelwarte den Bestand mit 1’500 bis 2’000 Paaren als potentiell gefährdet ein.

Für mich ist das Schwarzkehlchen ein bezaubernder Vogel, den ich gerne beobachte, weil er in schönen offenen Landschaften so präsent und gleichzeitig bescheiden seinem Vogelalltag nachgeht. Er kennzeichnet mit seiner Anwesenheit intakte Naturräume und pflegt diese, indem er den Insektenbestand reduziert und mit Farbe und Gesang beschenkt. So ist er ein ausgezeichneter Anzeiger für Veränderungen in der Landschaft. Einerseits ist er bei guten Bedingungen häufig und nicht sehr anspruchsvoll, andererseits ist er in ausgeräumten Landschaften direkt komplett verschwunden. So hoffe ich, dass ich und viele andere Menschen sich weiterhin und noch vermehrt an diesen kleinen Zauberwesen erfreuen dürfen.

Watvögel bei Yverdon-les-bains

Im Rahmen eines Watvögelkurses bin ich Teil einer Gruppe von rund 20 Vogelliebhaber:innen, die Ende April an einem Sonntag mit mässig schönem Wetter – um es genau zu nehmen ist es ab einem Zeitpunkt Dauerregen – die Region um Yverdon besucht. Yverdon liegt am südwestlichen Ufer des Neuenburgersees, der am Süd- und Ostufer das grösste zusammenhängende Feuchtgebiet der Schweiz – die Grande Cariçaie – mit Schutzstatus nach der Ramsar-Konvention beherbergt. Unser Hauptziel sind jedoch nicht diese vielfältigen Schutzgebiete entlang der Uferbereiche, sondern eine etwa 5 ha grosse Ackerfläche etwa eine halbe Stunde Gehzeit ausserhalb von Yverdon in der Orbe Ebene. Dort haben die Stadt Yverdon, Vogelschützer und Landwirte ein Projekt eingerichtet, in dem jährlich einmal die ganze Fläche für etwa 3 Monate gezielt aus dem Fluss Zihl (frz. La Thielle) geflutet wird, um verschiedenen zu den Brutplätzen im Norden ziehenden Watvögeln einen Rast- und Futterplatz zu bieten. Von den Watvögeln und anderen Arten wird diese Möglichkeit sehr dankend angenommen und für viele Vogelfreunde bietet sich auf einem begrenzten Gebiet die Möglichkeit, diese wunderschönen und faszinierenden Vögel aus nächster Nähe zu beobachten.  

Die Watvögel – im Fachjargon auch Limikolen oder fachlich sehr korrekt Regenpfeiferartige genannt – ist eine Gruppe von besonders hübschen und in vielerlei Hinsicht aussergewöhnlichen Vögeln. Kennzeichnende Merkmale für diese Gruppe von Vögel sind: meist sehr lange Zugwege (Langstreckenzieher), Geselligkeit in grossen Gruppen und ruffreudig, Spezialisten für Feuchtgebiete, ernähren sich überwiegend tierisch, brüten am Boden und sind Nestflüchter. Die ganze Gruppe der Regenpfeiferartigen umfasst rund 380 Arten, die eigentlichen Watvögel etwa 200 Arten, regelmässige Brutvögel in Europa sind etwa 40 Arten und in der Schweiz sind es lediglich 4 Arten, die regelmässig zu mehreren hundert Paaren brüten: Waldschnepfe, Flussregenpfeifer, Flussuferläufer und Kiebitz. Was aber aufgrund der regen Zugtätigkeit dieser Vögel möglich ist, ist deren Beobachtung auf ihren Zugwegen, wenn sie mal wo Rast einlegen und sich auftanken und Energiereserven aufbauen. Und an genau so einem Platz stehen wir an diesem Sonntagmorgen nebeneinander verteilt auf einem Damm mit Feldstechern und mehreren Fernrohren bestückt und schauen in die überflutete Fläche.

Der Kursleiter bittet uns, uns zuerst mal selbst einen Überblick zu verschaffen und zu sehen, welche Arten wir von selbst erkennen können. Hier kommen die Tücken der Feldornithologie voll zum Ausdruck, wenn es zu Hause gut gelingt, Vögel im Buch anhand von Fotos zu bestimmen, und wenn man dann mit dem Fernglas hier steht, in die Weite schaut und unzählige sich bewegende Vögel sieht, die man sonst nur sehr selten live zu Gesicht bekommt. Mit Unterstüzung gelingt es uns nach und nach aber immer besser, die verschiedenen Arten mittels der Verwendung von prägnanten (in der Fachsprache diagnostischen !) Mermalen zu erkennen.

Der grösste Watvogel auf der Flutfläche ist der elegante, schlanke, langbeinige und langschnäblige Grünschenkel. Mehrere davon sind in Kleingruppen à drei bis fünf Exemplare unterwegs und stochern mit ihren langen, leicht nach aufwärts gebogenen, Schnäbeln im Schlick nach Fressbarem. Sie haben eine ruhige Art, bewegen sich eher gemächlich, sind oben braun-grau gemustert und unten am Bauch weiss. Ihre Flügelspannweite beträgt rund 60 cm und sie wiegen bis etwa 270 g. Ganz ähnlich im Verhalten an diesem Tag ist eine Gruppe von vier Kampfläufern. Diese wirken äusserlich einheitlich braun, haben einen dunklen deutlich kürzeren Schnabel und sind dafür bekannt, dass sie über ein sehr komplexes Paarungssystem verfügen und die Männchen als ein Ausdruck davon in der Paarungszeit zum Teil sehr auffällige und sehr vielfältige Prachtkleider anziehen, die von fast vollständig weiss bis fast vollständig schwarz in alle erdenklichen Varianten in Balzarenen präsentiert werden. Leider sind sie so bei uns nur selten zu sehen.

Von der Anzahl her am häufigsten an diesem Tag und schon eine Stufe kleiner (rund 90 g und 40 cm Flügelspannweite) sind die auf die Entfernung unauffällig wirkenden aber aus der Nähe anmutig gezeichneten Bruchwasserläufer. Sie haben einen mittellangen Schnabel, einen hellen Überaugenstreif, sind auf der Oberseite braun mit weisen Federenden, an der Brust und am Hals gesprenkelt und auf der Unterseite weiss. Ein bisschen kleiner und deutlich einheitlicher gezeichnet, nämlich oben dunkelbraun und unten weiss, sind auf der ganzen Wiese verteilte einzelne Exemplare des Flussuferläufers. Diese sind an ihrem weissen „Komma“ oder Keil auf der Seite und einem auffälligen Wippen des Hinterkörpers gut auch aus der Entfernung zu erkennen. Diese Vogelart brütet nach wie vor in geringen Zahlen an verschiedenen Standorten in der Schweiz.

Sehr hübsch anzusehen und bei mir mit einem Staunen verbunden, wenn ich sie durch das Fernglas entdecken kann, sind verschiedene Sandregenpfeifer. Sie sind ebenfalls oben einheitlich braun und unten weiss, aber sie haben eine schwarz Augenmaske und ein schwarzes Halsband, dazwischen einen weissen Ring und einen orangen Schnabel mit einer schwarzen Spitze. Sehr typisch für den Sandregenpfeifer sind schnelle Sprints mit plötzlichen Stopps, um Nahrung aufzupicken und das Trippeln auf der Stelle. Ähnlich im Aussehen aber noch viel feiner gebaut sind die Flussregenpfeifer. Sie haben einen dunklen Schnabel und einen auffälligen gelben Lidring. Auch ihnen ist ein schnelles Rennen mit abrupten Stopps und Trippeln auf der Stelle eigen. Flussregenpfeifer brüten über ganz Mittel- und Südeuropa verteilt im Binnenland. Ihre ursprünglichen Lebensräume, natürliche Flussläufe mit Sand- und Kiesflächen, sind in den letzten Jahrzehnten immer seltener geworden. In der Schweiz brüten diese Vögel noch mit etwa 100 Paaren.

Die ganze Gruppe von Birdern ist nach rund zwei Stunden intensivem Beobachten, Vergleichen, Austauschen mit den andern, Bewundern und Staunen, beglückt, soviel konzentriere Schönheit bewundern zu dürfen. Auf der einen Seite ist es wohltuend zu sehen und sehr zu begrüssen, dass sich Menschen zusammengefunden haben in so einer Initiative und ein von Menschenhand geschaffenes Habitat pflegen. Auf der anderen Seite ist es ein Drama, dass so etwas derart notwendig ist und durch die vielzählige Annahme durch die Vögel ein Ausdruck von deren grossen Not. Ich hoffe sehr, dass dieses Projekt als Beispiel dienen kann und viele weitere folgen und irgendwann sogar wieder vermehrt derartige Lebensräume durch Renaturierungen entstehen. Die Watvögel würden es uns danken und könnten weiterhin die vielen Länder durch ihre Zugwege miteinander verbinden, ihre aussergewöhnlichen, gelegentlich melancholischen Rufe erklingen lassen und die verschiedenen Lebensräume mit ihren zum Teil immens langen Schnäbeln pflegen.

Spechtbalz in den Langen Erlen

Zwischen Basel, Riehen, Weil am Rhein und Lörrach liegt auf beiden Seiten des Flusses Wiese das etwa 6 Quadratkilometer grosse Natur-,Trinkwasser- und Naherholungsgebiet „Landschaftspark Wiese“. Dieser entstand 2001 als grenzüberschreitendes Projekt zum Erhalt der Kultur- und Auenlandschaft. Auf der deutschen Seite wird das Gebiet Mattefeld genannt, auf der schweizerischen Seite Lange Erlen. Die Wiese entspringt im Schwarzwald unweit des Feldbergs und von den rund 58 km Flusslänge liegen nur die letzen sechs auf schweizerischem Boden. Ursprünglich war die Wiese im Unterlauf ein breit mäandrierender Fluss und die dominierende Baumart im ehemaligen Auenwald war die Schwarzerle. Von daher kommt der Name. Nach und nach wurde die Wiese gezähmt und in einen engen Kanal gelegt. Ab den 1990er Jahren erfolgte langsam ein Umdenken.  So wurde im Bereich des Tierparks Lange Erlen etwa 600 Meter Flusslauf revitalisiert. Weitere Massnahmen sollen im Rahmen des Projektes WieseVital noch folgen. Das Gebiet verfügt über vielfältige Biotope wie Wiesen, Sträucher, Auenwald, Tümpel und Weiher und bildet einen wichtigen Verbindungspunkt zwischen den nahegelegenen Naturräumen Kiesgrube Käppelin, Tüllinger Berg und Dinkelberg. Im ganzen Gebiet verteilt gibt es verschiedene Naturschutzgebiete wie die Entenweiher, die Eisweiher oder das Reservat Weilmatten.

Durch die vielfältige Strukturen wie Wiesen, Weiher, Bäche, Hecken, lichter Wald und alte Bäume verfügt das Gebiet trotz der engen Umsäumung von städtischer Agglomeration über eine vielfältige Vogelwelt. Für Meisen, Drosseln, Laubsänger, Zaunkönig, Rotkehlchen, Graureiher, Eisvogel, Enten, Finken, Tauben und einige Greifvögel bietet sich ein reichhaltiger und vielfältiger Lebensraum. Ganz besonders gut geeignet scheint das Gebiet auch für Spechte zu sein. Ohne grosses Suchen lassen sich Bunt-, Mittel-, Grün- und Schwarzspecht ausmachen. Wahrscheinlich auch präsent aber schon deutlich weniger leicht zu entdecken sind der Grau- und der Kleinspecht. So kommen im Landschaftspark Wiese sechs der zehn in Mitteleuropa vorkommenden Spechte vor.

In diesem Beitrag wenden wir uns der äusserst faszinierenden und komplexen Balz der Spechte zu. Mitte März 2024 befinden sich die Spechte in den Langen Erlen voll in der Balz. Diese dauert insgesamt einige Wochen, was damit zu tun hat, dass Spechte relativ lange brauchen, um sich aus einem Revierverteidigunsverhalten heraus an einen Partner oder eine Partnerin zu gewöhnen. Über die Balz wird das Einzelgängerdasein der Spechte mit eigenen Revieren für die Zeit der Brut und der Jungenaufzucht mit einem beträchtlichen Kraftaufwand überwunden. „Stilmittel“ in der Spechtbalz sind laute Rufreihen, Trommeln, Scheinangriffe, Signalfarben, Verfolgungsjagden am Baum und in der Luft. Mit dem Trommeln – das vor allem beim Buntspecht (0.6 bis 0.8 Sekunden mit etwa 10 bis 15 Schlägen und beim Schwarzspecht (2.5 Sekunden mit etwa 40 Schlägen) sehr ausgeprägt ist – und lauten Rufen und Rufreihen (kixkix beim Bunspecht, kwoih-kwikwikwi beim Schwarzspecht) machen die Spechte auf sich und das von ihnen besetzte Revier aufmerksam. Auch die Weibchen trommeln, aber in der Regel weniger oft und kürzer. Dadurch nähert sich ein zweiter Specht und es kommt zu unzähligen Verfolgungsjagden zwischen Männchen und Weibchen und gelegentlich ist noch ein zweites Weibchen oder Männchen dabei, bis sich das zu einem Paar aussortiert. Die Spechte schiessen mit einigen Meter Abstand durch die Luft, der erste klatscht an einen Baum, der andere wenig später etwas versetzt auch. Dann „rennt“ der erste in Spiralen den Baum hoch und der zweite verfolgt ihn. Oben angekommen geht es wieder durch die Luft weiter. Der Balzflugruf beim Buntspecht klingt etwa wie ein langes kikrrkrrkrr, sehr ähnlich dem Ruf einer Misteldrossel. Beim Schwarzspecht ist es das magische krrü-krrü-krrü. Die rot leuchtenden Gefiederpartien – Hauben und Nacken, beim Bunt- und Mittelspecht auch die Unterschwanzdecken – werden intensiv eingesetzt und möglichst wirkungsvoll gezeigt.

Der Trommelwirbel und die kikiki Rufe sind beim Kleinspecht ähnlich denen des Buntspechts, aber viel feiner. Durch den viel kleineren Schnabel klingt das Trommeln des Kleinspechts ein bisschen wie eine Nähmaschine. Beim Mittelspecht sehen die Männchen und Weibchen sehr ähnlich aus, und eine grosse Besonderheit in der Vogelwelt ist der in Balzzeit allgegenwärtige qäukende Ruf des Männchens, mit dem er die Weibchen auf sich aufmerksam macht und sie dann zu den schon fertigen oder angefangenen Bruthöhlen lockt. Es sei hier erwähnt, dass auch der Wendehals, der nur unweit von der Wiese am Tüllinger Hügel anzutreffen ist, über einen ganz eigenen Balzruf verfügt, der aus verschieden schnellen und lauten gäh Elementen besteht.

Erst wenn die innerartliche Aggression auf ein bestimmtes Mass gesenkt werden konnte – ganz verschwindet sie bei Spechten nie – kommt es zu den ersten Höhlenbesichtigungen und zu Kopulationen meist in der Nähe der potentiellen Bruthöhle. Bei den Höhlen gibt es schon fertige Höhlen, die auch zum Schlafen genutzt werden, und angefangene Bauprojekte. Das gemeinsame weitere Ausbauen oder die Säuberung von durch andere Vögel benutzen Höhlen kann dazu dienen, die Partnerbindung zu stärken. Die Spechte betreiben eine Art „Höhlenmanagement“ und sorgen so für immens wertvolle Strukturen für sehr viele andere Vögel und Tierarten. Die Höhlenbautätigkeit der Spechte ist eine eigene Thematik für sich, die ich mal in einem weiteren Artikel beleuchten möchte.

Meisen in der Reinacher Heide

Zwischen Dornach (SO) und Reinach (BL) liegt mitten im Siedlungsgebiet ein Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung: die Reinacher Heide. Bequem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, bietet sie das ganze Jahr über gute Beobachtungsmöglichkeiten. In dem nur etwa 40 ha grossen Gebiet an der Birs finden sich verschiedene Habitate dicht beieinander: das Flussgewässer, Auwenald, Schotterlfächen und Magerwiesen. Die trockenen Bereiche entstanden in einer ehemals weitläufigen Fluss- und Auenlandschaft durch die Begradigung der Birs, die sich dadurch tiefer ins Flussbett eingrub, und so die trockenen Standorte in der Nähe des Gewässer mit ermöglichte.

Bei den Meisen ist jetzt überall der schöne „Frühlingsgesang“ der Kohlmeise in unzähligen Varianten zu hören. Ti-ta ti-ta ist nur eine davon. Für mich ist diese freudig-fröhliche Stimme jedes Jahr der Beginn der längeren Tage mit mehr Licht und der erwachenden und überall spriessenden Natur. Neben den vielen Gesangsvarianten haben die Kohlmeisen auch ein grosses Repertoire an Rufen, die selbst erfahrene Ornithologen immer wieder erstaunt zurücklassen, wenn sie den Urheber der nicht zuordenbaren Lautäusserungen entdecken. Auch die Blaumeisen sind voll aktiv und singen ihr schönes, zartes, silbriges Liedchen teilweise während sie von Ästchen zu Ästchen hüpfen oder sie begeben sich mal explizit auf eine Warte auf einem hohen Stängel oder einer exponierten Stelle im Gebüsch oder in einem Baum.

Das Erscheinen der Sumpfmeisen registriere ich meistens, wenn ich mir denke, ich habe etwas Meisenähnliches gehört, aber es ist ziemlich ungewöhnlich. Entweder ist es das pist-ja(tschä) oder eine harte Folge von tjip-tjip-tjip, tjä-tjä-tjä oder wita-wita-wita, letzteres dem Gesang der Tannenmeise durchaus sehr ähnlich. Wenn ich das Vögelchen dann entdecke und den Gesang mit dem Aussehen verbinden kann, freut es mich immer besonders, weil die Sumpfmeisen sich noch schneller und anmutiger durch die Vegetation bewegen als die anderen Meisen. Einer meiner liebsten Waldgesänge präsentiert die Haubenmeise. Die schärferen Eingangstöne enden in einem schnurrenden warmen Triller dürr-dürr. Sie turnt meistens hoch oben in Nadelbäumen durch das Geäst. Wenn ich sie mit dem Fernglas erspähen kann, komme ich jedesmal wieder aufs Neue ins Staunen, ob dieser wunderschönen schwarz-weissen Kopfzeichnung mit Krause, Sprenkel und dieser zauberhaften Federhaube. Diese beiden Arten, die Sumpf- und die Haubenmiese, können ihre Nisthöhlen selbst in morschen Bereichen von Bäumen bauen. Die Sumpfmeise macht dies eher gelegentlich, die Haubenmiese meistens. Einmal hatte ich das Glück, eine Haubenmeise dabei zu beobachten, wie sie sich unermüdlich am oberen Ende eines abgebrochenen Baumstamms durch das aufgeweichte Holz arbeitete. Dies blieb mir als besonderes Erlebnis in Erinnerung. In ähnlichen Gefilden unterwegs wie die Haubenmiese ist die äusserlich eher unscheinbare Tannenmeise. Sie ist vor allem charakterisiert durch einen grossen weissen Nackenfleck im sonst schwarzen Kopfbereich und ist fast noch schwerer zu entdecken als die Haubenmeise, da sie meistens eng an den Nadelästen ihr Futter sucht. Ihr Gesang ist ein charakteristisches wize-wize-wize.

Die Familie der Meisen (Paridae) ist gekennzeichnet durch kleine, kompakte Vögel von rund 10 bis 15 cm Länge, 17 bis 20 cm Spannweite und etwa 10 bis 12 g bei den kleineren Meisen und bis zu 20 g bei der Kohlmeise. Die Schnäbel sind kurz und kräftig, die Ernährung besteht überwiegend aus Insekten und Samen. Die Färbung ist abwechslungsreich mit hellen weiss-beigen, über grau-bräunliche bis zu gelb-schwarzen und blauen (bei der Blaumeise) Farbtönen. Sie sind allesamt quirrlige, gesellige und liebliche Vögel, die sich schnell durch das Geäst bewegen, gerne ihre vielfältigen Laute äussern und für mich meistens eine fröhliche und lebendige Stimmung verbreiten. Ich sehe sie eng verbunden mit der Pflege von Sträuchern und Bäumen und sie bilden eine Art Grundbesetzung in ganz verschiedenen Naturräumen. Eine ganz wichtige Aufgabe nehmen sie durch ihre Präsenz und Sichtbarkeit in der Nähe von Menschen in der Verbindung von diesen mit der Natur wahr.