Das Naturwunder Vogelzug, Teil 1

Der Vogelzug ist für mich eines der faszinierendsten, erstaunlichsten und komplexesten Phänomene in der Tierwelt. Zweimal im Jahr – im Herbstzug und im Frühjahrszug – bewegen sich Millionen von Vögeln überwiegend in einer Nord-Süd-Richtung im Herbst und in Süd-Nord-Richtung im Frühling und verbinden damit ihre Brutgebiete in den gemässigten Zonen mit Sömmerungsgebieten in den wärmeren und tropischen Regionen. Da sich der Vogelzug über Wochen und Monate erstrecken kann, befinden sich fast ständig Vogelgemeinschaften auf dem Weg. Sie folgen dabei traditionellen Zugwegen, weshalb man diese in verschiedene Vogelzugrouten (Flyways) klassifizieren konnte. Birdlife International unterscheidet acht bis neun solcher Vogelzugrouten und zusätzlich werden gerade auch bislang unbekannte Hochseezugrouten identifiziert.

Neben den amerikanischen, ost- und zentralasiatischen und ostafrikanischen Routen ist die in Mitteleuropa wesentliche die ostatlantische Vogelzugroute (East Atalantic Flyway). Sie verbindet arktische Brutgebiete von Kanada, über Grönland und Island bis Zentralsibirien mit Westeuropa und Westafrika. Jeden Herbst ziehen grosse Gruppen – die Schätzung beläuft sich auf etwa 90 Mio. Vögel insgesamt nur für diese Route – von grösstenteils Wasservögeln aber auch Sing- und Greifvögeln vom hohen Norden in den Süden. Für einige Familien wie die Gänse, Enten und Schwäne ist Westeuropa das Hauptziel, für andere ist es eine Zwischenstation auf dem Weg nach Afrika. Für viele im Gleitflug ziehende Vögel, die auf Aufwinde und gute Thermik angewiesen sind, ist das Mittelmeer eine grosse Hürde, weshalb sie das Meer an der engsten Stelle bei Gibraltar überqueren. So vollzieht sich in dieser Region jährlich ein faszinierendes Schauspiel mit hunderttausenden ziehenden Greifvögeln, darunter Wespenbussarde, Schwarzmilane und Zwergadler.

Kraniche im Flug, birds-online.ch

Rund 300 Vogelarten orientieren sich auf der ostatlantische Vogelzugroute auf ihrem Weg in den Süden an ergiebigen Nahrungs- und Rastplätze wie dem Ladoga See in Russland, dem Matsaalu National Park in Estland, dem Memeldelta in Litauen, dem Wattenmeer in Holland, Dänemark und Deutschland, dem Loire Delta in Frankreich, dem Doñana Nationalpark in Spanien, dem Lagunensee Merja Zerga in Marokko, dem Banc d’Arguin Nationalpark in Mauretanien, dem Diawling Nationalpark in Mauretanien und dem Senegal, der Saloum-Niumi Region im Senegal und in Gambia und dem Bissagos Archipel in Guinea-Bissau.

Nun gibt es nicht nur eine hauptsächliche „Zugstrategie“ sondern sehr viele verschiedene. Und zudem werden diese auch noch laufend angepasst, je nach klimatischen Verhältnissen, Nahrungsangebot, Konkurrenzsituation und anderen Faktoren. Einige Begriffe in diesem Zusammenhang sind Kurzstreckenzieher, Langstreckenzieher, Teilzieher u.a. Gerade in den letzten Jahren sind starke Veränderungen von Zugverhalten von einzelnen Vogelarten festzustellen. Ein sehr charakteristischer Langstreckenzieher ist beispielsweise der Weissstorch. Bis vor nicht allzu langer Zeit zogen diese Vögel durchwegs jeden Herbst in Gebiete südlich der Sahara. Nun ist zu beobachten, dass immer mehr schon in Spanien oder Südfrankreich halt machen. Und von da im Frühling wieder in den Norden zurückfliegen. Auch mehr und mehr bleiben sogar in ihren Brutgebieten und ziehen überhaupt nicht mehr und wandelten sich so von Zugvögeln zu Standvögeln. Ein sehr vielschichtiges Bild des Zugverhaltens ergibt sich auch für die Graureiher. Ein bestimmter Anteil fliegt nach wie vor weit in den Süden, andere bevorzugen kürzere Strecken und andere bleiben in ihren angestammten Gebieten. Einer der „klassischen“ Zugvögel ist nach wie vor der Kranich. Er ist eine magisch-majestätische Erscheinung und weckt vielerorts Fernweh und Reisegelüste, wenn er in grossen Gruppen laut rufend gegen den Süden zieht.

Bei den Greifvögeln sind unterschiedliche Strategien von nahe verwandten Arten zu beobachten. Beispielsweise ist der Schwarzmilan nach wie vor ein ausgesprochener Langstreckenzieher, und ein Grossteil der Vögel verbringt den Winter südlich der Sahara. Im Unterschied dazu überwintern die Rotmilane in  Spanien, Frankreich oder auch direkt bei uns. Der Mäusebussard fliegt ebenso nicht allzu weit weg und passt sich mit seiner Zugstrategie sehr gut an die Umstände und Verhältnisse an. Dahingegen fliegen die Wespenbussarde fast ausnahmslos vom Norden (auch Deutschland) in die feuchteren Baumsavannen und Regenwaldgebiete in West- und Zentralafrika. Bei den Falken sind die Turm- und Wanderfalken grösstenteils Standvögel und die Baumfalken Langstreckenzieher.

Bei vielen Watvögeln, wie dem Alpenstrandläufer, dem Knutt, der Uferschnepfe oder der Küstenseeschwalbe, ergibt sich das Profil, dass sie in der Arktis und in der Tundra brüten, auf ihrem Zugweg in riesigen Schwärmen, zum Beispiel im deutschen Wattenmeer, rasten, und dann weit in den Süden weiterfliegen. So kommen sie auf teils unvorstellbare Wegstrecken von vielen tausenden und mit Hin- und Rückweg sogar zehntausenden Kilometern Flugdistanzen. Die längsten Zugwege nehmen die Küstenseeschwalben auf sich. Sie brüten in den nordpolaren Arktis Gebieten und überwintern in den südpolaren Antarktis Gebieten. Sie nutzen so als auf Sicht jagende Stosstaucher das Maximum an Tageslicht und Sonnenstunden. Die riesigen Distanzen schaffen sie auch deshalb, weil sie „halbseitig“ im Flug schlafen können.

Uferschnepfen im Flug, birds-online.ch

Weitere ausgeprägte Zugvögel sind die Mauersegler und der Kuckuck. Unter den Singvögeln sind weit ziehenden Arten (Langstreckenzieher) die Schwalben, die Nachtigall, der Grauschnäpper, der Teichrohrsänger, die Gartengrasmücke, der Gartenrotschwanz oder der Fitis. Letztere drei haben mit der Mönchsgrasmücke, dem Hausrotschwanz und dem Zilpzalp „Geschwisterarten“ die Kurzstreckenzieher sind. Viele Eulenarten, wie der Waldkauz, Raufusskauz, Sperlingskauz, Steinkauz oder Uhu sind Standvögel. Ebenso alle heimischen Spechte, mit Ausnahme des Wendehalses. Auch die meisten Rabenvögel und Meisen sind Standvögel. Die meisten Finken – wie Buchfink, Erlenzeisig, Stiglitz oder Girlitz – und die Drosseln – wie Amsel, Singdrossel oder Misteldrossel – kombinieren die Strategien Standvogel und Kurzstreckenzieher.

Wie ihr seht, ist der Vogelzug ein äusserst bemerkenswertes Naturgeschehen, für das dieser Beitrag nur die oberste Schicht berühren konnte. Weitere spannende Fragen in diesem Feld sind beispielsweise: Wie findet der Vogelzug konkret statt? Wie orientieren sich die Vögel? Wie schaffen die Vögel diese enormen Leistungen physiologisch? Was sind Gefahren auf den Zugwegen? Was passiert in den Überwinterungsgebieten? Aus diesem Grund hat dieser Blog Beitrag im Titel den Zusatz „Teil 1“, weil ich gerne das Thema in ein, zwei weiteren Beiträgen noch vertiefter anschauen möchte.

Spechtbalz in den Langen Erlen

Zwischen Basel, Riehen, Weil am Rhein und Lörrach liegt auf beiden Seiten des Flusses Wiese das etwa 6 Quadratkilometer grosse Natur-,Trinkwasser- und Naherholungsgebiet „Landschaftspark Wiese“. Dieser entstand 2001 als grenzüberschreitendes Projekt zum Erhalt der Kultur- und Auenlandschaft. Auf der deutschen Seite wird das Gebiet Mattefeld genannt, auf der schweizerischen Seite Lange Erlen. Die Wiese entspringt im Schwarzwald unweit des Feldbergs und von den rund 58 km Flusslänge liegen nur die letzen sechs auf schweizerischem Boden. Ursprünglich war die Wiese im Unterlauf ein breit mäandrierender Fluss und die dominierende Baumart im ehemaligen Auenwald war die Schwarzerle. Von daher kommt der Name. Nach und nach wurde die Wiese gezähmt und in einen engen Kanal gelegt. Ab den 1990er Jahren erfolgte langsam ein Umdenken.  So wurde im Bereich des Tierparks Lange Erlen etwa 600 Meter Flusslauf revitalisiert. Weitere Massnahmen sollen im Rahmen des Projektes WieseVital noch folgen. Das Gebiet verfügt über vielfältige Biotope wie Wiesen, Sträucher, Auenwald, Tümpel und Weiher und bildet einen wichtigen Verbindungspunkt zwischen den nahegelegenen Naturräumen Kiesgrube Käppelin, Tüllinger Berg und Dinkelberg. Im ganzen Gebiet verteilt gibt es verschiedene Naturschutzgebiete wie die Entenweiher, die Eisweiher oder das Reservat Weilmatten.

Durch die vielfältige Strukturen wie Wiesen, Weiher, Bäche, Hecken, lichter Wald und alte Bäume verfügt das Gebiet trotz der engen Umsäumung von städtischer Agglomeration über eine vielfältige Vogelwelt. Für Meisen, Drosseln, Laubsänger, Zaunkönig, Rotkehlchen, Graureiher, Eisvogel, Enten, Finken, Tauben und einige Greifvögel bietet sich ein reichhaltiger und vielfältiger Lebensraum. Ganz besonders gut geeignet scheint das Gebiet auch für Spechte zu sein. Ohne grosses Suchen lassen sich Bunt-, Mittel-, Grün- und Schwarzspecht ausmachen. Wahrscheinlich auch präsent aber schon deutlich weniger leicht zu entdecken sind der Grau- und der Kleinspecht. So kommen im Landschaftspark Wiese sechs der zehn in Mitteleuropa vorkommenden Spechte vor.

In diesem Beitrag wenden wir uns der äusserst faszinierenden und komplexen Balz der Spechte zu. Mitte März 2024 befinden sich die Spechte in den Langen Erlen voll in der Balz. Diese dauert insgesamt einige Wochen, was damit zu tun hat, dass Spechte relativ lange brauchen, um sich aus einem Revierverteidigunsverhalten heraus an einen Partner oder eine Partnerin zu gewöhnen. Über die Balz wird das Einzelgängerdasein der Spechte mit eigenen Revieren für die Zeit der Brut und der Jungenaufzucht mit einem beträchtlichen Kraftaufwand überwunden. „Stilmittel“ in der Spechtbalz sind laute Rufreihen, Trommeln, Scheinangriffe, Signalfarben, Verfolgungsjagden am Baum und in der Luft. Mit dem Trommeln – das vor allem beim Buntspecht (0.6 bis 0.8 Sekunden mit etwa 10 bis 15 Schlägen und beim Schwarzspecht (2.5 Sekunden mit etwa 40 Schlägen) sehr ausgeprägt ist – und lauten Rufen und Rufreihen (kixkix beim Bunspecht, kwoih-kwikwikwi beim Schwarzspecht) machen die Spechte auf sich und das von ihnen besetzte Revier aufmerksam. Auch die Weibchen trommeln, aber in der Regel weniger oft und kürzer. Dadurch nähert sich ein zweiter Specht und es kommt zu unzähligen Verfolgungsjagden zwischen Männchen und Weibchen und gelegentlich ist noch ein zweites Weibchen oder Männchen dabei, bis sich das zu einem Paar aussortiert. Die Spechte schiessen mit einigen Meter Abstand durch die Luft, der erste klatscht an einen Baum, der andere wenig später etwas versetzt auch. Dann „rennt“ der erste in Spiralen den Baum hoch und der zweite verfolgt ihn. Oben angekommen geht es wieder durch die Luft weiter. Der Balzflugruf beim Buntspecht klingt etwa wie ein langes kikrrkrrkrr, sehr ähnlich dem Ruf einer Misteldrossel. Beim Schwarzspecht ist es das magische krrü-krrü-krrü. Die rot leuchtenden Gefiederpartien – Hauben und Nacken, beim Bunt- und Mittelspecht auch die Unterschwanzdecken – werden intensiv eingesetzt und möglichst wirkungsvoll gezeigt.

Der Trommelwirbel und die kikiki Rufe sind beim Kleinspecht ähnlich denen des Buntspechts, aber viel feiner. Durch den viel kleineren Schnabel klingt das Trommeln des Kleinspechts ein bisschen wie eine Nähmaschine. Beim Mittelspecht sehen die Männchen und Weibchen sehr ähnlich aus, und eine grosse Besonderheit in der Vogelwelt ist der in Balzzeit allgegenwärtige qäukende Ruf des Männchens, mit dem er die Weibchen auf sich aufmerksam macht und sie dann zu den schon fertigen oder angefangenen Bruthöhlen lockt. Es sei hier erwähnt, dass auch der Wendehals, der nur unweit von der Wiese am Tüllinger Hügel anzutreffen ist, über einen ganz eigenen Balzruf verfügt, der aus verschieden schnellen und lauten gäh Elementen besteht.

Erst wenn die innerartliche Aggression auf ein bestimmtes Mass gesenkt werden konnte – ganz verschwindet sie bei Spechten nie – kommt es zu den ersten Höhlenbesichtigungen und zu Kopulationen meist in der Nähe der potentiellen Bruthöhle. Bei den Höhlen gibt es schon fertige Höhlen, die auch zum Schlafen genutzt werden, und angefangene Bauprojekte. Das gemeinsame weitere Ausbauen oder die Säuberung von durch andere Vögel benutzen Höhlen kann dazu dienen, die Partnerbindung zu stärken. Die Spechte betreiben eine Art „Höhlenmanagement“ und sorgen so für immens wertvolle Strukturen für sehr viele andere Vögel und Tierarten. Die Höhlenbautätigkeit der Spechte ist eine eigene Thematik für sich, die ich mal in einem weiteren Artikel beleuchten möchte.