Der magische Kernbeisser

von | März 10, 2025

Es ist Anfang März und in der Natur ist schon was los. Viele Tiere bereiten sich auf die Paarungs- und Balzzeit und den Nest- und Höhlenbau vor, oder sie sind schon mitten darin. Letzthin war ich einige Mal draussen und beobachtete dieses emsige Treiben. Die Krähen und Störche sammeln Ästchen, um ihre Nester zu flechten. Die Spechte hämmern, um ihr Revier abzustecken und auf sich aufmerksam zu machen und sie beginnen damit, ihre Höhlen in Schuss zu bringen, um sie dann herzeigen und eine Partnerin von deren Eignung überzeugen zu können. Die Blau- und Kohlmeisen suchen die Bäume ab, um einen geeigneten Niststandort ausfindig zu machen. Und die Ringeltauben führen ihre „Klatschflüge“ auf, in denen sie in einem grossen Bogen aufsteigen, mit den Flügeln klatschen, und sich wieder absinken lassen. Einige Vögel verfolgen sich in rasanten, kurvigen Hochgeschwindigkeitsflügen. Als ich so dastehe und das Treiben beobachte und den Gesängen und Rufen zuhöre, dringt ein konstantes „zt, zit, zik“ oder „pit“ zu mir, ab und zu gefolgt von einem „tsi“ oder „ksi“. Zuerst fällt es gar nicht so auf, aber wenn die Aufmerksamkeit mal darauf gerichtet ist, dann sind die Laute klar und deutlich zu hören. Ich denke mir, das ist ein Kernbeisser. Ich schaue rauf und suche die Baumkronen ab. Jetzt sind noch keine Blätter an den Bäumen, sonst wäre die Suche vielleicht vergeblich. Es dauert einige Zeit, während der ich versuche, die Richtung zu orten. Dann endlich, sehe ich einen recht grossen Vogel, in etwa wie ein Star, auf einem Ast sitzen. Ich schaue mit dem Fernglas hin und ja, es ist ein Kernbeisser! Unglaublich, dass ein so grosser Vogel, es ist der grösste in der Familie der Finken, sich so gut tarnen kann. Er ist neben dem Grauschnäpper, einer der Vögel, die bei Vogeltouren am häufigsten übersehen oder nicht bemerkt werden. Wahrscheinlich hofft er, dass die Blätter doch bald spriessen werden, weil dann wird er sich den Blicken vollends entziehen und ist dann nur noch durch seine Laute zu lokalisieren.

Wenn ich den Kernbeisser anschaue, bin ich jedes mal wieder verblüfft, wie erhaben und magisch er aussieht. Wie eine kleine Statue, die mit viel Liebe gemacht worden ist. Er hat einen orange-braunen Kopf mit braunen Augen und einem mächtigen kegelförmigen Schnabel, der im Sommer grau-blau und im Winter rosa ist. Der Nacken ist grau, der Rücken braun und die Flügel sind schwarz-blau mit einem weissen Band. Die Schwanzspitze ist ebenfalls weiss. Das Weibchen hat eine ähnliche Zeichnung der verschiedenen Partien, aber die Farben sind etwas weniger deutlich abgegrenzt und vor allem im Kopf-, Brust- und Bauchbereich blasser. Die Vögel haben ein Gewicht von rund 50 bis 60 Gramm und eine Flügelspannweite von rund 30 Zentimeter.

Männlicher Kernbeisser, birds-online.ch

Die Kernbeisser ernähren sich hauptsächlich von Samen von Laubbäumen wie Hainbuche, Rotbuche, Kirschen und Zwetschken sowie von verschiedensten Früchten. Beim Knacken der Kerne zeigt der Kernbeisser, weshalb er so heisst. Die extrem harten Kerne können nur mit sehr hohem Druck aufgeknackt werden, den der Kernbeisser mit seinem besonders dafür geeigneten Schnabel ausüben kann. Zur Brutzeit kommen Raupen, Insekten, Spinnen und Regenwürmer ins Ernährungsspektrum hinzu.

Der grosse Finkenvogel bewohnt gerne lichte Laub- und Mischwälder, kommt aber auch regelmässig in Friedhöfen und Parkanlagen mit altem Baumbestand sowie weitläufigen Streuobstwiesen vor. Bei mir in Basel ist er „um die Ecke“ von mir in einem grossen Stadtpark zu finden. Dort hat es alte Buchen, Hainbuchen, Platanen und Eichen, in denen er genug Samen und Früchte als auch Nistmöglichkeiten vorfindet. Gerade jetzt hat die Balz, die Paarbildung und die Nistplatzwahl begonnen. Bei der Balz zeigt das Männchen einerseits Imponierposen mit aufgestellten Federn und Lautäusserungen und andererseits Demutsposen mit vibrierenden Flügeln. Den geeigneten Nistplatz suchen Männchen und Weibchen gemeinsam aus, und auch der Nestbau wird zusammen ausgeführt. Die rund fünf Eier werden etwa 14 Tage bebrütet und nach etwa einem Monat sind die Jungvögel selbständig.

Weiblicher Kernbeisser, birds-onliine.ch

In Mitteleuropa ist der Kernbeisser ganzjährig anzutreffen. Die in Osteuropa, Kleinasien und dem Kaukasus und noch weiter im Osten lebenden Populationen ziehen teilweise zum Überwintern in das Mittelmeergebiet und nach Nordafrika. Die aktuellsten Schätzungen kommen in der Schweiz auf einen Bestand von rund 15’000 Paaren, in Deutschland auf etwa 300´000 Paare und weltweit auf ungefähr 20 Mio. Individuen. Die IUCN stuft den Vogel als „nicht gefährdet“ und den Bestand als stabil ein.  Endlich auch mal eine Vogelart, die in der Anzahl nicht ständig zurückgeht!

Ich habe den Kernbeisser nach der diesjährigen ersten Sichtung noch weitere Male gesehen, und das jedes Mal auf eine besondere Art. Mir erscheint der Vogel mit seiner anmutigen, edlen und stoischen Ruheposition, mit seinem verblüffenden Äussern und mit seinem unerwartet leichten und eleganten Flug wie ein Botschafter aus einer anderen Welt. Meine Assoziationen dazu sind Eleganz, Präsenz, Raum, Haltung und die Gleichzeitigkeit von Standfestigkeit und Beweglichkeit. Ich möchte unbedingt weiter forschen, wo und wie ich den Vogel wieder sehe und was sich weiter daraus entwickelt. Magst Du auch mal nach ihm Ausschau halten?