Eine Neuntöter Familie im Schwarzwald

von | Jan. 4, 2026

Anfang August hatte ich das Glück, während einiger Tage meiner Sommerferien die malerische Umgebung eines Hofs von Freunden im Süden des Schwarzwals entdecken und erkunden zu dürfen. Der Hof liegt ausserhalb eines kleinen Dorfs, am Ende einer kleinen Fahrstrasse, die direkt hinter dem Hof in eine Forststrasse übergeht. Im Sinne von befestigten Strassen also beinahe eine Sackgasse. Die nähere Umgebung des Hauses ist dicht bewachsen mit Kräutern, Hecken und einigen schönen Bäumen. Es gibt neben Salbei, Thymian, Lavendel und Rosmarin noch viel weitere kultivierte und wilde Kräuter. Sehr beeindruckt haben mich grosse Brennesselkolonien, die eine ganz eigene, urige und erhabene Schönheit und Kraft ausstrahlen. Dann gibt es Himbeeren, Brombeeren, Aroniabeeren, Mirabellen und noch einiges mehr. Die unmittelbare Umgebung des Hofes geht dann über in extensive Wiesen, die mit Tieren beweidet und gelegentlich gemäht werden. Nach ein paar hundert Metern begrenzt ein schöner Nadelwald die Hof Lichtung fast von allen Seiten. Auf einer Seite des Hofes führt ein kleines Treppchen einige Stufen hinunter zu einem schönen Bach. Alles in allem ein Hof wie aus dem Bilderbuch.

So ein Gelände ist ideal zum Runterkommen, Entspannen und Staunen. Mir als Vogelliebhaber ging direkt das Herz auf, weil es sich überall bewegte und flatterte. Mit so einem reichhaltigen Nahrungsangebot gibt es eine intakte Lebendigkeit an Kleinlebewesen, Mäusen, Amphibien und Insekten. Und insbesondere mit letzteren auch Vögel, die sich gerne von Insekten ernähren. Ich stand unweit vom Haus und schaute in die Kräuter-, Beeren- und Wiesenlandschaft, um zu sehen, was mir so alles auffallen würde. Da entdeckte ich auf einem Pfosten, zwischen dem krautigen Bewuchs und einer angrenzenden Wiese einen Vogel, der einige Zeit ruhig auf dem Pfosten sass, dann mit einem schnellen und gewandten Flug in die Vegetation verschwand und bald darauf wieder auftauchte und sich wieder auf den gleichen Pfosten setzte. Fast immer etwas Herzhaftes zum Verspeisen im Schnabel. Mal ein Schmetterling, mal eine Heuschrecke oder sonstige grössere Insekten. Die Rede ist hier vom Neuntöter. Genauer gesagt von einer Neuntöter Dame, die sich mir als erste zeigte.

Neuntöter Weibchen, birds-online.ch

Diese Vogelart ist spezialisiert auf offene sonnige Landschaften mit mässigem Bewuchs durch Hecken und Sträucher. Als Standort wählt der Vogel in der Regel einen Dornstrauch wie Weiss- oder Schwarzdorn oder Heckenrosen, auf denen er oft in oberster Position auf seiner Warte sitzt und die Landschaft beobachtet. Kaum hat er etwas erspäht, fliegt er in schnellem Jagdflug auf die Beute und bringt sie zurück, um sie in Ruhe zu verspeisen oder sie gelegentlich sogar auf einer der Dornen aufzuspiessen. Neben den schon erwähnten Insekten, ist der Neuntöter auch in der Lage, kleine Mäuse, Reptilien oder gelegentlich sogar kleine Vögel zu erbeuten. Zu Hause ist der Vogel im Sommer in der gesamten westlichen Paläarktis und die gesamte Population zieht ab Ende August Richtung Kongobecken und Südafrika in die Winterquartiere. Er ist somit ein Langstreckenzieher und gehört zur Familie der Würger mit rund 25 verschiedenen sehr ansehnlichen Arten.

Ich beobachtete die Neuntöter Dame noch eine ganze Weile weiter und weitete dann den Blick über die Wiese ans hintere Ende, wo eine grosse und dichte Hecke das Grundstück begrenzte und davor ein Holzzaun angebracht war. Da entdeckte ich einen Vogel mit sehr ähnlichem Verhalten aber deutlich anderem Äusseren. Ein Blick durch das Fernglas bestätigte ein Neuntöter Männchen, mit seinem beeindruckenden Äusseren. Er hat einen grauen Hinterkopf und Nacken, eine markante schwarze „Zorromaske“, ein Streifen über das Auge Richtung Nacken, eine weisse Kehle, einen rostrotbraunen Rücken und einen zartrosa Bauch. Beim Weibchen sind die gesamte Hinterseite und der Kopf braun-rötlich. Die Vorderseite mit Brust und Bauch ist cremefarben mit einer Schuppung des Gefieders. Diese ist bei näherem Hinschauen deutlich zu erkennen. Die Jungvögel gleichen stark den Weibchen, mit einer teils noch stärkeren Schuppung des Vordergefieders. Der Schnabel hat einen deutlichen Hacken, der es dem Vogel erlaubt, Beutetiere effektiv zu töten.

Neuntöter Männchen, birds-onlince.ch

Nun konnte ich das Weibchen und das Männchen gleichzeitig ins Visier nehmen. Beide waren sehr aktiv am Jagen, aber sie verschwanden nicht in Richtung eines Nestes, was mich wunderte, weil sie zu dieser Zeit eigentlich Junge haben müssten. Die Neuntöter nisten in der Regel direkt in einem ihrer bevorzugten Dornensträucher. Sie gehen sogenannte „Saisonehen“ ein, was eine Verpaarung mit dem gleichen Partner für eine Brutsaison bedeutet. Zufällig, wenn Männchen und Weibchen aus Afrika an den selben Ort zurückkommen, können es auch mehrere Saisonehen werden. Die Balz ist intensiv und wird von Imponierflügen, Gestikulationen und Gesängen des Männchens begleitet. Die Neuntöter besetzen ein Revier und sind sehr territorial. In ihrem Revier werden keine anderen Individuen der gleichen Art geduldet.

So ein Neuntöter Revier hatte ich beim Beobachten auf dem schönen Hof im Schwarzwald in seiner vollen Pracht vor mir. Und am nächsten Tag löste sich auch das Rätsel auf, warum die erwachsenen Vögel nicht zum Füttern verschwanden. Es gab Jungvögel und die waren alle schon mobil. Ich zählte vier Individuen. Als Höhepunkt schenkte mir die Neuntöter Familie einen einmaligen Familienblick durch das Fernglas, in dem ich sage und schreibe fünf Vögel, den Vater und die vier Jungvögel, die alle in geringer Entfernung vom Vater auf dem Zaun sassen, gleichzeitig durch das Glas im Bild hatte. Ein fantastischer Anblick. Der Vater zeigte den Jungen, wie man sich nahrhafte Insekten aus der Landschaft holte, und wie man sich diese für den Verzehr vorbereitet. Bei einigen Beutearten, wie zum Beispiel solche mit Stacheln oder Gift, benötigt es eine geschickte Zubereitung, die auch gelernt sein will.

Neuntöter Jungvogel, birds-online.ch

Ich erfreute mich die drei Tage sehr an der Landschaft und ihrer Lebendigkeit. Neben den Neuntöter gab es noch viele andere Vögel und Tiere. Diese Familie war mir jedoch in der kurzen Zeit schon ans Herz gewachsen und erfüllte mich mit Hoffnung für viele weitere erfolgreiche Bruten an diesem Ort.